Heinrich v
on Kleist
und die Briefkultur um 1800

Teilnehmerliste der Tagung in alphabetischer Ordnung

Unter der Tabelle finden Sie Themen der Beiträge und diesbezügliche Exposes. Die Kurzviten folgen demnächst.

Diejenigen von Ihnen, die noch uns noch keinen kurzen Lebenslauf bzw. kein Expose zugeschickt haben,
werden gebeten, dies in Kürze zu ergänzen. 



Name

Hochschule / Institution



1

Dr. des. Antje Arnold

Universität zu Köln



2

Dr. Ingo Breuer

Universität zu Köln, H.-v.-Kleist- Gesellschaft



3

Dr. Anna Castelli

FU Berlin, TU Berlin, HU Berlin, Europa-Universität Viadrina



4

Dr. Yvonne Delhey

Radboud Universiteit Nijmegen



5

Prof. Dr. Hans Esselborn

Uniwersytet Jagielloński / Universität zu Köln



6

Prof. Dr. Anne Fleig

Freie Universität Berlin



7

Dr. Barbara Gribnitz

Kleist-Museum, Frankfurt a.d.O.



8

Prof. Dr. phil. Detlef Gwosc

Hochschule Mittweida



9

Dr. Leonhard Herrmann

Universität Leipzig



10

Dr. Monika Jaglarz

Uniwersytet Jagielloński, Biblioteka Jagiellońska



11

Dr. habil. Katarzyna Jaśtal

Uniwersytet Jagielloński



12

Ursula Kiermeier, M.A.

Uniwersytet Jagielloński



13

Dr. Jadwiga Kita-Huber

Uniwersytet Jagielloński



14

Prof. Dr. habil. Maria Kłańska

Uniwersytet Jagielloński



15

Dr. Inka Knittel-Kording

 



16

Dr. Marta Kopij

Uniwersytet Wrocławski



17

Dr. des. Nadja Müller

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf



18

Prof. Dr. Klaus Müller-Salget

Universität Innsbruck



19

Prof. Dr. habil. Zdzisław Pietrzyk

Uniwersytet Jagielloński, Biblioteka Jagiellońska



20

Dr. Martin Roussel

Universität zu Köln, H.-v.-Kleist- Gesellschaft



21

Dr. Marie Isabel Schlinzig

Oxford University



22

Dr. Caroline Socha

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg



23

Dr. Paweł Zarychta

Uniwersytet Jagielloński




Referentinnen und Referenten mit Ihren Themen und Exposes


Dr. Ingo Breuer

Der Brief als Motiv in Kleists Werken


Dr Anna Castelli

„Briefe mit lauter Seufzern“. Kleists private und öffentliche Post

 

Kleists Faszination für die schriftliche Kommunikationsform, wurde es unlängst bemerkt, hat in seinem Erzählwerk unterschiedliche Gestalten angenommen: Von Plakaten bis zu Edikten, von Passscheinen bis zu Testamenten, erscheint eine überraschende Vielfalt von Dokumenten, die die Handlung des Erzählten bedingen, verkomplizieren, plötzlich umstürzen. In dieser Hinsicht scheint es aber, als ob der Brief die kommunikative Form schlechtin wäre. Dieser kommt zum Ausdruck nicht nur in den Erzählungen, sondern auch als fiktive Überlegungen über Kunst, Dichtung oder Politik, um dann seine schriftliche Vervollständigung im privaten Briefwechsel zu finden.

   Die Korrespondenz von Kleist enthält oft eine kommunikative Kraft, die aber jenseits des Adressaten des einzelnen Briefs geht: Sie drängt nach außen, nach einer Ausströmung ins öffentliche Schreiben. Aber dieses Schreiben wird nicht nur zu Erzählung oder Theaterstück, sondern auch täglichem Austausch mit Lesern, die Bürger sind: die Berliner Stadtbewohner. Das öffentliche Schreiben nimmt in den „Berlinern Abendblättern“ die Form des Artikels, aber auch des Ankündigungs, der Erklärung, der Annonce (die bei der Marquise von O... feinsinnig literarisiert wird), sowie des Briefs und der Duplik an, in einem regen und ergiebigen Austausch mit den Lesern, wie auch der Brief über die Bombenpost zeigt. Und diese Leser sind „das Publikum“: nicht unbeteiligte Masse, sondern ein Adressatenkreis, der bereiter ist, begeistert zu beklatschen oder heftig auszupfeifen.

   In diesem Beitrag wird die Spannung zwischen dem privatem und öffentlichem Briefwechsel untersucht, mit besonderer Berücksichtigung der Dimension dieses letzteren. Es werden hier auch Vergleiche angestellt zwischen den Schriftverkehr in den „Abendblättern“ und in den zeitgenössischen Berliner Zeitungen, wie der „Vossische Zeitung“, der „Haude und Spenersche Zeitung“, dem „Telegraph“, sowie dem in Frankfurt an der Oder erschienenen „Patriotisches Wochenblatt“, um Differenzen und Übereinstimmungen im Stil, Ton und Inhalt zwischen privatem und öffentlichem Kleist zu unterstreichen.

 

Dr. Yvonne Delhey

Imaginierte Dialoge – Die Günderrode und die Briefe Kleists als Versuche

Der Beitrag nimmt Bettina von Arnims ‘Briefroman’ Die Günderrode, der auf ihren Briefen an Karoline von Günderrode aus den Jahren 1804-1806 basiert, zum Ausgangspunkt eines Vergleichs mit ausgewählten Briefen Heinrich von Kleists, um der Frage nach dem eigenen sprachlichem Ausdruck – dem Verlangen nach einer Sprache, die zwischen dem Eigenem und Fremden, dem Ich und dem Anderen vermitteln kann.

Die Kleist-Forschung weiß um Kleists tiefe Skepsis an der Sprache als Mittel zur Mitteilung, die sich in seinem Werk immer wieder als Unfähigkeit der Protagonisten manifestiert, ihren Handlungen sprachlich gerecht zu werden (vgl. u.a. Stephens 1999). Bettina von Arnim veröffentlichte ihre Briefromane erst aus der sicheren zeitlichen Distanz, die ihr als Zeitgenossin bereits die Reflexion über die Briefkultur jener Jahre gewährte. 

Untersucht werden soll die kommunikative Grundsituation zwischen Adressat(-innen) und Briefschreiber(-in), die sich mit der Frage nach Selbstwahrnehmung und (ästhetischer) Inszenierung von Subjektivität in dieser spezifischen Form der Kommunikation verbindet. Die Briefdialoge beider Autoren sind darauf angelegt, den anderen in seiner Andersartigkeit zu verstehen und zugleich sich schreibend einen Begriff von der Welt und sich selbst zu machen.

Der Begriff der ‚ästhetischen Subjektivität’  geht auf Karl Heinz Bohrer zurück, der ihn 1987 mit Blick auf Heinrich von Kleist, Caroline von Günderrode und Clemens Brentano einführte.  Seine Untersuchung richtet sich gezielt auf die Briefe der genannten Autoren. Die ‘Briefe’ Bettina von Arnims bieten m.E. in der Analyse eine sinnvolle Gegenlektüre, die Bohrers These der Ästhetisierung als individueller Ausdruck in einer ansonsten soziologisch zu erfassenden Gesellschaft relativiert und zugleich in ihrer Bedeutung für die aktuelle literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung bestätigt. Bewusst wird den authentischen Briefen Kleists die fiktionalisierte Form der Briefe Bettina von Arnims gegenübergestellt, die diese an ihre Jugendfreundin schrieb. Dabei kann durch die besondere literarische Form von Die Günderrode auch der Frage nach der Bedeutung der Materialität von Kleists Briefen eine andere Perspektive abgewonnen werden: Wie relevant ist sie für die Selbstverständigung, die im Versuch, den Adressaten zu begreifen, sich selbst näher kommen will (vgl. Christian Moser 1993)? Inwieweit wird der Briefpartner in seinem individuellen Anderssein erkannt oder wird er als ‚anders’ imaginiert und dient damit als Folie, vor der die Auseinandersetzung mit sich selbst geführt werden kann?

Die Problemstellung spricht Aspekte kommunikativer Grundsituationen, die in der pragmatischen Linguistik diskutiert werden, ebenso an wie literaturtheoretische Problemstellungen zur Konstitution von Autorpositionen in autobiographischen resp. autofiktiven Texten.

 

 

Prof. Dr. Hans Esselborn

Jean Pauls frühe Briefe an Verleger. Eine Alternative zum empfindsamen Briefdiskurs

 

Jean Pauls bisher nicht beachtete Briefe an Verleger stehen in vielfachem Kontrast zur zeitgenössischen, empfindsamen und romantischen Briefkultur. Da sie meist Angebote von Manuskripten, Bitten um Geld und Nachfragen darstellen, verdanken sie sich praktischer Absichten und Informationen, nicht persönlicher Selbstdarstellung und Kommunikation wie die Freundschafts- und Liebesbriefe der Zeit. Als Geschäftsbriefe stehen sie in der Tradition der zeremoniellen und umständlichen barocken „Sekretariatsbriefe“, daneben ist der Einfluss der witzigen galanten Korrespondenz zu spüren. Jean Paul galt als gewiefter Geschäftspartner, da er Konzepte und Abschriften seiner Briefe aufbewahrte.

Im Focus des Vortrags stehen Jean Pauls Briefe an Verleger bis zum großen Erfolg des Hesperus 1795, da er von da an nicht mehr unbekannter Bittsteller, sondern ein gesuchter Autor war. Die frühen Briefe um Veröffentlichungen haben Parallelen in den Bittbriefen um Bücher, die seit 1780 dokumentiert sind, und den finanziellen Bettelbriefen für die Mutter. Sie sind in einer veralteten Rhetorik der Komplimente und servilen captatio benevolentiae geschrieben und zugleich voll sprühenden Witzes, der nicht wirkungslos blieb. Nur wenn der junge Autor geistiges Verständnis erfährt, nähert sich der Stil den Schreiben an die Freunde an. Bemerkenswert ist der Spagat zwischen dem konventionellen unterwürfigen Stil, der hoch elaborierten Sprache des Witzes und den unumgänglichen Bitten um Geld mit Hinweis auf die eigene Armut. So haben wir Zwitter von altertümlicher Rhetorik und moderner Aufrichtigkeit, die in den Kontext der zeitgenössischen Briefkultur eingeordnet werden sollen.

Prof. Dr. Anne Fleig

Vertrauensbildung? Kleists Briefe an Wilhelmine von Zenge

 

Dr. Barbara Gribnitz

Heinrich von Kleist und Ulrike von Kleist. Die materiellen Spuren ihrer Beziehung

 

Ungefähr ein Drittel der überkommenen Briefe richtete Heinrich von Kleist an seine Halbschwester Ulrike von Kleist. Diese einseitige Korrespondenz - Ulrike von Kleists Antworten, möglicherweise von Kleist vernichtet, sind nicht erhalten - zeugt nicht von einem vertrauten, kontinuierlichen Austausch der Geschwister. Belehrend, verzweifelt, bettelnd, rechtfertigend, sich versteigend, distanziert, werbend schreibt Kleist der Schwester in unterschiedlich großen Intervallen.

Im Blickpunkt der bisherigen Beschäftigung mit Kleists Korrespondenz standen entsprechend der Intention, aus den Briefen seine Lebensumstände, Gedanken oder Einstellungen zu rekonstruieren, die Inhalte. Dabei blieb die Materialität weitgehend unbeachtet. Doch jeder Brief ist auch in seiner äußeren Form ein individuelles, einem spezifischen Adressaten zugedachtes Objekt, das den Schreiber und dessen Beziehung zum Empfänger spiegelt. Die außersprachlichen Entscheidungen über Papier, Tinte, Faltung, Adressierung und Schriftverteilung gewähren interessante Einblicke in das Selbstverständnis und die Selbstdarstellung des Verfassers.

Unter dieser Perspektive fokussiert meine Relektüre der Briefe Kleists an seine Schwester deren materiellen Eigenschaften. Welche Papiersorten, welche Papierformate benutzte er? Er schrieb beispielsweise ausgerechnet den offiziellen Begleitbrief zum ersten Phöbusheft auf ungewöhnlich dünnem Papier. Und beachtete er überhaupt die in den zeitgenössischen Briefstellern festgelegten Konventionen? Und wenn ja, wann und warum? Vor allem die während geregelter Lebensphasen geschriebene Briefe (Sommer 1804, Dresden 1807/08) gestaltete Kleist korrekt; teilweise jedoch so korrekt und 'steif', daß die Form dem Inhalt entgegenläuft. Ob Kleist damit den Erwartungen Ulrike von Kleists entsprechen oder aber bewußt Abstand herstellen wollte, ist dabei nicht zu entscheiden.

Ein weiterer Betrachtungsaspekt gilt Kleists Umgang mit Verbesserungen. Die Briefsteller fordern im Falle groben Verschreibens oder Vergessens den Neuanfang, Kleists Briefe jedoch können recht zahlreiche Streichungen und Ergänzungen aufweisen. Dabei handelt es sich vornehmlich um stilistische Änderungen, die einem möglichen Eindruck der Unmittelbarkeit, Vertrautheit und Nähe widersprechen. Hinzu kommt die zumeist gute Lesbarkeit der Streichungen, die Kleists Formulierungsprozeß offenlegt; diese Teilhabe der Adressatin kann allerdings durchaus zu (gewollten?) Irritationen oder Kränkungen führen, z.B. wenn Kleist die Schlußformel "Adieu. Heinrich von Kleist" streicht und dann mit "Dein Heinrich" schließt.

Nicht nur die Bedeutung der geschriebenen Worte bildet also die Aussage eines Briefes, sondern auch dessen Materialität. Und es sind gerade diese materiellen Spuren, die noch Unbekanntes entdecken lassen.

 

Prof. Dr. Detlef Gwosc

„Ich schreibe an alles, was etwas von mir wissen mag“. Der bekennende Briefevielschreiber und Philosoph Johann Gottlieb Fichte im Spiegel seiner Korrespondenz.

Fichte, ein Zeitgenosse Kleists, hat dem Briefeschreiben um 1800 in einer Art und Weise gefrönt, wie es nur mehr wenige taten, denn die Ära der Empfindsamkeit, in der das Briefeschreiben nachgerade Kultcharakter annahm, hatte ihren Höhepunkt überschritten. Für den Menschen und Philosophen war die Korrespondenz, ähnlich wie für Kleist, ein Akt der Offenbarung und der Vergewisserung durch andere. Wer sich, wie Heinrich Heine erklärte, „von der Bedeutung dieses Mannes einen richtigen Begriff“ geben wolle, der müsse im Falle Fichtes nicht nur eine Philosophie erörtern, „sondern auch einen Charakter, durch den sie gleichsam bedingt wird“.

Der Vortrag versucht anhand der ebenso umfangreichen wie aufschlussreichen, weil zuvorderst emotionalen Korrespondenz dem Charakter des Philosophen Johann Gottlieb Fichte auf die Spur zu kommen.

 Dr. Leonhard Herrmann

 „Wenn ich nur dreist damit den Anfang mache …“ Heinrich von Kleist und die Narratologie des Briefes um 1800

 

Der Vortrag wird weniger die konkret vorhandenen Briefe des Autors Heinrich von Kleists als

vielmehr den Brief als dessen erzähltechnisches Verfahren in den Fokus rücken und dabei nach Parallelen zwischen narrativen Strukturen der Erzähltexte Kleists und denen des Briefromans um 1800 fragen. Ausgangspunkt dazu ist Heinrich von Kleists erzähltheoretische Reflexion Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (1805), die in der Dialogizität das zentrale Prinzip für die Hervorbringung von Erkenntnis sieht: Jede Idee ist das Ergebnis von Kommunikation und als solches ein performatives Konstrukt. Ein erst im Akt des Ausgesprochenseins geborener Gedanke gleicht auf diese Weise einem literarischen Text, der erst im Sprechakt den Gegenstand seiner Referenz erzeugt. Indem sie beide nur im Akt sprachlicher Kommunikation intersubjektiv präsent sind, beruhen dialogisch verfertigte Gedanken und fiktive Realitäten literarischer Texte auf identischen Verfahren und haben nicht nur den Sprecher selbst, sondern auch dessen Gegenüber zur notwenigen Daseinsbedingung. In seinem kurzen erzähltheoretischen Text macht Kleist dies am Beispiel der Kommunikation mit seiner Schwester Ulrike – seiner bevorzugten Briefpartnerin – deutlich.

Aufbauend auf dieser Beobachtung soll es Ziel des Vortrags sein, zentrale Erzähltexte Kleists nach diesem dialogischen Verfahren zu untersuchen und dabei die Funktion des Mediums Brief genauer zu bestimmen; Kontext dazu bildet das Genre des Briefromans, das insbesondere in der Zeit vor 1800 eine bedeutsame Konjunktur erlebt, da vorwiegend im Medium des (fingierten) Briefs Innerlichkeit, Subjektivität und Dialogizität erzähllogisch legitimierbar und vereinbar waren – letztes im Unterschied zur modernen Technik des Inneren Monologs, der einen nochmals erheblich offeneren Blick in das Innere einer fiktiven Figur gestattet, dies jedoch eben gerade unter Ausschluss von Dialogizität.

Dr. habil. Katarzyna Jaśtal

Pädagogische Metaphern in Kleists Briefen an die Braut

 

Ursula Kiermeier, M.A.

„Der Tod ist in der deutschen Kultur eine recht gefährliche Angelegenheit – Kleists Todesbriefe im Werk des polnischen Schriftstellers Stefan Chwin

 

In seinem Essay „Ein polnischer Schriftsteller und die Deutschen“ beschrieb der polnische Autor und Literaturprofessor Stefan Chwin das Faszinosum des düsteren Deutschen für sein eigenes Leben und Werk: „Mich zog  an, was Goethe ablehnte, was Grass ablehnte, was heute viele Deutsche ablehnen – die Düsternis der deutschen Gotik, das irrationale Dunkel der deutschen Romantik, die beunruhigende Kühle der protestantischen Religiosität, aber auch die düstere Färbung der deutschen Liebe, der deutschen Melancholie, des deutschen Todes – denn an einer solchen Färbung fehlte es mir im polnischen Leben, das – so empfand ich es – viel heiterer und scheinbar oberflächlicher war. Der Tod ist in der deutschen Kultur eine recht gefährliche Angelegenheit, doch voller Neugier näherte ich mich diesen gefährlichen Regionen des deutschen Geistes, schon allein durch die Lektüre Kleists, denn das polnische Todesempfinden befriedigte die Bedürfnisse meines Herzen nicht. Mich interessierte das ‚dunkle‘ Deutschland – also das Deutschland, das es heute nicht mehr gibt und vielleicht auch zum Glück nicht mehr gibt. Aber gerade vor dem Hintergrund dieses dunklen Deutschlands zeichnete sich die Eigenständigkeit des polnischen Lebens so schön ab, die ich als kostbar betrachtete: die warme Färbung des polnischen Katholizismus und – nennen wir es einmal so: der weise Unernst des polnischen Geistes.“ Stefan Chwin ist der Ansicht, dass Heinrich von Kleist von den Deutschen zu Unrecht vergessen und an den Rand gedrängt wird,  auch in der polnischen Kultur sei er nicht präsent genug. Daher setzte er Heinrich von Kleist und seinen Todesbriefen in seinem Roman Hanemann (dt. Tod in Danzig) ein literarisches Denkmal – gleich neben dem Denkmal für das polnische Genie der Moderne schlechthin, den Maler und Jahrhundertschriftsteller Witkacy, der, als er zwischen die Fronten der deutschen und sowjetischen Invasionstruppen geriet, ebenfalls Selbstmord beging. Die beiden Künstlerselbstmorde und ihre Vorgeschichte in Briefen und Erinnerungen von überlebenden Angehörigen und Freunden werden in die Romanhandlung, die Chwin gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Danzig spielen lässt, hineinkomponiert. Welche Funktionen den beiden literarischen Ahnherrn des düsteren Todes aus freien Stücken im Werk Stefan Chwins zukommen, wird Gegenstand des Vortrags sein. Auf einer Meta-Ebene wird die Frage gestellt werden müssen, inwieweit Chwin hier nur allzu tradierte stereotype Wahrnehmungsmuster aufnimmt und in den Kontext der polnischen Kultur einführt und übersetzt bzw. inwieweit der polnische Autor den bekannten Todesbriefen neue Wahrnehmungsvarianten abgewinnen kann.

 

Dr. Jadwiga Kita-Huber

Im ewigen Dakapo der Zeit“. Jean Pauls Briefwechsel mit Emilie von Berlepsch als Beitrag zur Liebesbriefkultur um 1800

 

Jean Pauls Briefe sind ein einzigartiges Zeugnis der Geselligkeits- und Briefkultur um 1800. Einen beträchtlichen Teil der Korrespondenz bildet der Briefwechsel mit Frauen, der Einblick in die sozial- und mentalitätsgeschichtliche Lage der Frau um 1800 und in die Liebesbriefkultur der Zeit gewährt. Dabei ist nicht zu vergessen, dass Jean Pauls empfindsamer Briefwechsel einen großen Einfluss auf die Praxis des Liebesbriefes im 19. Jahrhundert ausübte. Zum Ausgangspunkt des Vortrags wird das von Jean Paul Ende der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts entwickelte  epistolarische Kommunikationsmodell gewählt, das auch als System der „Simultanliebe“ bzw. „Archiv der Liebe“ bekannt wurde. Bei dem epistolaren Großexperiment, das Jahrzehnte andauerte, ging es um den Kult des gemeinsamen Schreibens, Lesens und Empfindens von Liebeskorrespondenz, geprägt von einem schwärmerischen Freundschafts- und Liebesideal. In dieses (kontroverse) System der „nicht-egoistischen“ Simultanliebe werden auch – besonders nach dem Erfolg des Hesperus – adlige emanzipierte Briefschreiberinnen einbezogen, die über die empfindsame Liebeskorrespondenz hinaus am Leben Jean Pauls teilnehmen wollen.

Im Vortrag soll der bislang nur am Rande betrachtete Briefwechsel Jean Pauls mit der Schrifstellerin Emilie von Berlepsch (1757-1830) untersucht werden, mit der sich der Dichter 1797 verlobte. Als eine wichtige Stimme in der Geschlechter-Debatte der Zeit richtete sich von Berlepsch z.B. gegen die geschlechtertypische Ausrichtung des spätaufklärerischen Bildungsprojekts und postulierte die Vereinbarkeit von Ehe und Gelehrsamkeit. Anhand des spannungsgeladenen Briefwechsels zwischen Jean Paul und Emilie von Berlepsch sollen drei Aspekte herausgearbeitet werden: (1) In den Briefen wird das Liebeskonzept Jean Pauls, das Emilie von Berlepsch heftig angreift, selbst verhandelt. Neben den für die Zeit typischen epistolaren Liebesinszenierungen soll im Vortrag insbesondere der Metadiskurs über die Liebe rekonstruiert und zur Diskussion gestellt werden. (2) Es soll geprüft werden,  inwieweit sich dieser Briefwechsel als ein Beitrag zur Geschlechterdebatte der Zeit verstehen lässt. (3) Schließlich sollen die wichtigsten kommunikativen Strukturen und stilistisch-ästhetischen Merkmale benannt werden, wobei auf ihre Funktion für die Liebesbriefkultur im 19. Jahrhundert hingewiesen werden soll.


Prof. Dr. habil. Maria Kłańska
Heinrich von Kleist in Krakau

Dr. Marta Kopij
Deutsche Romantiker in der Korrespondenz des Filomaten-Kreises


Dr. Inka Kording

Intertextualität als Parodie und Paradoxe. Mikroanalyse eines Kleist-Briefes an Ulrike über seinen Aufenthalt in Oßmannstedt

Am 13./14. März 1803 berichtet Heinrich von Kleist seiner Schwester Ulrike, dass er seinen sechswöchigen Aufenthalt bei Christoph Martin Wieland beenden und Oßmannstedt verlassen wird. Dabei spielt Kleist mit Zitaten aus Wielands Gandalin oder Liebe um Liebe. Ein Gedicht in acht Büchern aus dem Jahr 1776. Dieses in vielen Passagen witzige, Gattungstopoi des mittelalterlichen Heldenepos und literarische Klischees der Minnedichtung ironisierende Versepos changiert immer wieder zwischen identifikatorischem epischen Erzählen und distanzierender ironischer Brechung. Diese Bewegung nimmt Heinrich von Kleist in seinem Schreiben ebenfalls auf und bricht den emotionalen Überschwang seiner momentanen realen Lebenssituation mehrfach mit einem intertextuellen, ironisch-witzigen und gleichzeitig tragischen Unterton. In gleichzeitig parodistischer und paradoxer Manier parallelisiert der Briefautor das eigene handelnde Ich mit den beiden Protagonisten des Wielandschen Epos.

So wird zum einen deutlich, dass dieser Brief ‚das selbstbewusste Spielen Kleists mit literarischen Konventionen und Zeitthemen unter Beweis stellt’ (Gabriele Kapp). Die angestrebte Mikroanalyse führt zum anderen vor, wie der angehende Autor Kleist sein dichterisches Selbst in einem ironisch-tragischen Vexierspiel von Dichtertum und – nicht nur topographischer – lebenslanger Unbehaustheit verortet. Dabei wird auch aufgezeigt, wie das briefliche Ich durch das Spiel mit literarischen Versatzstücken die Oberflächenstruktur des Briefes mit einem Subtext kreuzt und sowohl die eigene Lebenssituation als auch den Subtext parodiert, sodass das Ich als Zentrum, als Mittelpunkt der kommunikativen Bewegungen fungiert. Andererseits zeichnet sich aber in der mehrfachen parodistischen Bedeutungsübertragung, die bis zur Ununterscheidbarkeit von ‚Wahrheit’ und Parodie bzw. bis zur ‚härtesten Spielart des Paradoxons, des Selbstwiderspruchs’ (Greiner) führt, auch die Brüchigkeit und Tragik dieser Ich-fokussierten Struktur ab.


Prof. Dr. Klaus Müller-Salget
Probleme der Edition und der Kommentierung von Kleists Briefen

Dr. des. Nadja Müller

Politik, Selbstsorge und Gender. Heinrich von Kleist und Achim von Arnim in ihren Brautbriefen

  

Es ist für Kleist sogar gegenüber der vertrauten Schwester Ulrike ein „dummer Gedanke“, wenn er ihr im März 1803 schreibt: „Ich wollte, ich könnte mir das Herz aus dem Leibe reißen, in diesen Brief packen und Dir zuschicken!“ (DKV, Bd. IV, S. 313). In den Brautbriefen Kleists begegnet man noch häufiger statt einer offenen Preisgabe eigenen Denkens und Fühlens einer Selbstinszenierung im Dienst der Sorge um das eigene Selbst. In den Brautbriefen zeigen sich pä-dagogischer Gestus und Machtausübung als Politik des Privaten gegenüber der Braut. Peter Michalzik fasst die überwiegend negative Reaktion der Leser zu-sammen, wenn er diese Briefe als „etwas Skandalöses“ und als „Gehirnwäsche“ apostrophiert. „Seelische Grausamkeit“ attestiert er Kleist und meint, „er verlangte Selbstverleugnung und Erniedrigung von ihr.“1

Günter Blamberger2 hat demgegenüber Kleist in Schutz genommen und verteidigt; er spricht nicht von einem Missbrauch Kleists an seiner Braut, sondern von einem Missbrauch der Forschung an den Brautbriefen. Das Bemühen um Gestaltung des Partners war wechselseitig, und Wilhelmine hat Erziehung und Bildung durch Kleist ausdrücklich gewünscht. Seine immer dringlicher werdenden Forderungen, Wilhelmine solle ihm ihre Liebe gestehen, sind Aus-druck seiner zunehmenden Unsicherheit, die ihre Zurückhaltung ausgelöst hat.

Während Kleist literarische Vorbilder in die Realität umsetzen will (Julie, Emile) und nicht zuletzt an dem Projekt scheitert, mit Wilhelmine gemeinsam ein Bauerngut bewirtschaften zu wollen, übernimmt Achim von Arnim die traditionelle Aufgabe eines Adligen, bewirtschaftet ein Gut und heiratet - wie im Testament vorgesehen - um die Erbschaft antreten zu können und den Fortbestand des Adelsgeschlechts zu sichern. Er konnte in seinen Briefen an seine Braut mehr als Kleist die eigene Unsicherheit eingestehen, und eine aggressive Überkompensation war nicht notwendig. Die vergleichende Analyse der Brief-wechsel soll im Folgenden insbesondere Unterschiede der literarischen Gestaltung und der Zuverlässigkeit der Briefschreiber aufzeigen.


Prof. Dr. habil. Zdzisław Pietrzyk

Begrüßung

 

Dr. Martin Roussel

Kleists Briefe und Tod

Für die Wirkungsgeschichte hat Kleists Selbstmord in besonderer Weise einen initialen Effekt, gilt Kleist damit doch als „zu früh Gestorbener“, als „gescheiterte Existenz“ oder als Radikalschriftsteller, der einer „Ökonomie des Opfers“ (Blamberger) verpflichtet war. Von hier aus sind viele Bezüge – bis hin zu Vorwegnahmen des Todes – im Werk gefunden worden, sei es der Doppel-(Selbst-)Mord in der Verlobung in St. Domingo, die überhaupt krisenhafte, „gebrechliche Einrichtung der Welt“ in den Novellen und Dramen, kurzum „Kleists Selbstmord […] als letzter[r] Vollzug in einer Kette von imaginativen Handlungen“ (Bohrer). Ein Triumph des Michael Kohlhaas, der sich im Moment seiner Hinrichtung als Herr über die Zukunft seines Antipoden fühlen kann, ist offenkundig ein Triumph der Schrift, die denn auch im Fall des Kohlhaas von etlichen rüstigen Nachkommen des Junkers zu berichten weiß.

Ist dies nicht der Fall Kleists? Tatsächlich zum „Fall“ macht sich Kleist in seinen Briefen, die uns die Aporien der „Geschichte meiner Seele“ (so am 22. März 1801 an Wilhelmine von Zenge) ausführlich darlegen. Zuletzt kündet er hier seine Selbstmordabsichten in Briefen an Nahestehende an. Ist der Unterschied zu den – doch als „fiktive Literatur“ kanonisierten –Novellen und Dramen lediglich einer der Erzählperspektive oder einer der Rhetorik: zwischen unmittelbar oder mittelbar, der direkten Adressierung oder der poetischen Camouflage? Und wie passt in dieses Bild, dass Kleist nur im Fiktiven den Selbstmord direkt darstellt, während seine „Todes“-Briefe zur metaphorischen Einkleidung neigen – zugespitzt in der „Todeslitanei“?

Eine derart sich überkreuzende und überschlagende Rhetorik bildet die Matrix von Kleists Tod. Diese These soll anhand der Signatur von Kleists Briefen entfaltet – und darin dieses Briefwerk rhetorisch verstanden –werden. Entgegen der alten These Karl Heinz Bohrers soll Kleists Handeln nicht als „die Reaktion eines extrem Einsamen“ in „manischer Heiterkeit“ gewertet werden. An die Stelle des Gegensatzes von Gemeinschaft und Einsamkeit tritt die Spannung von Nähe und Distanz, in der Kleist den Lebensbegriff eines Unberührbaren oszillieren lässt, während sein Tod mit einer Metaphorik der Nähe, des Verschmelzens und des Gemeinschaftlichen einhergeht.

 

Dr. Marie Isabel Schlinzig

Heinrich von Kleists und Henriette Vogels Abschiedsbriefe im Spiegel der Konventionen letzten Schreibens um 1800

 

Im 18. Jahrhundert beherrschten zwei Trends den Umgang mit Abschiedsbriefen, d.h. Botschaften, die im Angesicht des eigenen Todes verfasst wurden: Manche Autoren nutzten das letzte Schreiben, um ihr Sterben zeitgenössischen Idealen eines ‚guten Todes‘ anzunähern. Andere, vornehmlich Selbstmörder und Frauen, fanden in Abschiedsbriefen ein geeignetes Medium, frei und in bewusst nonkonformistischer Weise zu kommunizieren. Die Abschiedsbotschaften Heinrich von Kleists und Henriette Vogels stehen in letzterer Tradition. Bei ihnen – wie anderen Selbstmördern der Zeit – werden die letzten Briefe zudem Teil einer suizidalen ‚Sterbekunst’: Beide Autoren instrumentalisieren bewusst die spezifischen Bedingungen der Briefsorte, unter anderem um sich ein Maß an Selbstbestimmtheit zu sichern, welches das eigene Lebensende überdauert, aber auch, um private Beziehungen wie Diskurse in dieser wie der jenseitigen Welt zu organisieren.

Die Abschiedsriefe Kleists und Henriette Vogels sowie die Reaktion der Nachwelt auf diese wurden bisher häufig in Isolation und mit Bezug auf Kleists Status als Dichter betrachtet. Demgegenüber untersucht vorliegender Beitrag die letzten Botschaften beider Autoren im Kontext zeitgenössischer Konventionen letzten Schreibens. Dabei wird zunächst darauf eingegangen, auf welche Weise Kleist und Henriette Vogel traditionell in exemplarischen Schreiben enthaltene Gesten gebrauchen und konventionell von Selbstmördern erwartete Äußerungen damit verknüpfen. In diesem Kontext wird ebenfalls betrachtet, wie die Autoren den der Briefsorte eigenen Janusblick auf Diesseits wie Jenseits handhaben, die Beziehung zwischen Schreiben, Tod und Körper bzw. Leichnam sprachlich inszenieren und damit die Möglichkeiten und Grenzen letzten Schreibens ausloten.

In einem zweiten Analyseschritt soll neu bewertet werden, in welchem Grad die Abschiedsbriefe Kleists und Henriette Vogels als teilweise gemeinsam sowie im Bezug auf ein Dichterleben und -werk verfasste Botschaften im Vergleich zu ähnlichen Texten einen Sonderstatus beanspruchen dürfen. Bezug genommen wird dabei auf andere Fälle von Doppelselbstmord um 1800, bei denen letzte Schreiben eine zentrale Rolle spielten und realhistorische wie fiktionale Selbstmörderabschiedsbriefe, die einen direkten Bezug zu Literatur aufweisen, wie beispielsweise beim ‚Opfertod’ von Charlotte Stieglitz oder dem Dichterselbstmord, der in den Nachtwachen des Bonaventura geschildert wird.

 

Dr. Caroline Socha

»Mit welchen Vorgefühlen werde ich das Couvert betrachten, das kleine Gefäß das so vieles in sich schließt!« – Kritische Briefausgaben als editorische Herausforderung.

 

Bei der Erschließung und Dokumentation brieflichen Quellenmaterials stehen Herausgeber kritischer Briefausgaben vor einer besonderen editorischen Aufgabe. Neben der umfassenden Rekonstruktion biographischer und korrespondenzrelevanter Kontexte, die für das Verständnis der Textzeugen und deren Einordnung in den Briefkorpus unerlässlich ist, verlangt der editorische Umgang mit Briefhandschriften in hohem Maße die Berücksichtigung der Materialität der Textträger. Begründen lässt sich dies vor allem durch die Eigenart von Briefen, dass sie vom Empfänger in derselben äußeren Gestalt rezipiert werden, in der sie vom Schreiber verfasst wurden. Materiale Eigenschaften wie Schriftbild, Schreibmaterialien oder Papierqualität beeinflussen daher unmittelbar die Textwahrnehmung des Lesers und geben wichtige Aufschlüsse über die Beziehung des Schreibers zum Adressaten. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich mein Beitrag mit den Besonderheiten, die der Überlieferung des Kleistschen Briefkorpus eigen sind: die Lückenhaftigkeit des Tradierten sowie die geringe Zahl erhaltener sog. Gegenbriefe. Sowohl diese als auch weitere Spezifika lassen auf eine gewisse ›Geheimniskrämerei‹ Kleists im Zusammenhang mit seiner brieflichen Korrespondenz schließen und verweisen damit auf die grundlegende Frage nach Kleists Verhältnis zum Brief als Kommunikationsmedium. In direktem Bezug zum Tagungsthema wird daher untersucht, in welcher Weise Reflexionen über den Privatbrief als (Un)Möglichkeit der Kommunikation in Kleists poetologische Überlegungen Eingang gefunden haben.

Besonderes Augenmerk gilt dabei den materialen, außersprachlichen Aspekten, einschließlich derjenigen der epistolaren Trias: Niederschrift – Transport – Empfänger. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht das sich in der Biblioteka Jagiellońska (Kraków) befindende Konvolut. Indem darüber hinaus nach den editionspraktischen Konsequenzen gefragt wird, reflektiert mein Beitrag anhand dieser Fallstudie zugleich den Stand der germanistischen Editionswissenschaft im Bereich der Briefedition.


Dr. Paweł Zarychta
Briefpoetik um 1800